Tagungsinhalte

Literature Error: Restart or Cancel?

Vorwort

Der Autor ist tot, der einsame und stille Leser vielleicht auch, es leben die Nutzer, die Crowd, die Programmierer und die Web-Designer: So könnte man den Leitfaden des am MCM-Institut der Universität St.Gallen geplanten Workshop zur Literatur im digitalen Zeitalter zusammenfassen. Deshalb laden wir Interessierte ein, gemeinsam darüber zu diskutieren, wie die fortschreitende Digitalisierung Dispositive wie Autorschaft, Storytelling, Lesen, Interpretieren, geistiges Eigentum, Verantwortung und das Erleben von Literatur und Kunst neu konfiguriert, ob gut oder schlecht, und ob sie uns zwingt unseren Bezug zu Literatur und Kultur neu zu überdenken. Ein Workshop zum 20jährigen Jubiläum des MCM-Instituts und nicht eine Tagung: Praktiker, Medien- und Kulturwissenschaftler, Philosophen und Studierende sollen auf diese Herausforderung eingehen und zusammen die Bruchstücke einer Ästhetik oder Philosophie der Digitalisierung erfinden.

Der durch das MCM-Institut der Universität St.Gallen und die Start-up New Babylon Creations organisierte Workshop findet von Donnerstag, den 08.11.18, bis Samstag, den 10.11.18, in St. Gallen statt. Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos und richtet sich an alle Interessierten der Literatur- und Kulturbranche. Er ist in drei Tage gegliedert, bei denen jeweils eines der folgenden Themen im Vordergrund steht.

Block 1: Donnerstag (08.11.)

Lesekultur: You are not alone

Forscher und Pädagogen, die nicht an Berührungsängsten mit Big Brother leiden, begrüssen die insbesondere durch die sozialen Medien unterstützte Sozialisierung des Lesens: Im 21. Jahrhundert, wird behauptet, sei es nicht mehr notwendig, und denkt man an E-Reader, sogar gar nicht möglich, beim Lesen allein zu sein. Die sozialen Medien und zahlreiche Plattformen sorgen dafür, dass wir uns dabei austauschen: die asoziale Praxis des klassischen bürgerlichen Lesens erzeugt dank ihrer Erfassung durch digitale Technologien endlich positive Externalitäten, die sich sogar messen lassen. Sind wir damit im neuen Mittelalter oder im neuen Versailles angekommen, zumal damals vorwiegend laut und in der Öffentlichkeit gelesen wurde? Eignet sich unser Bett oder der Dorfplatz am besten für das Lesen? In diesem Block diskutieren wir die durch die Digitalisierung vorangetriebene Sozialisierung der Lesekultur. Was gewinnen wir und was verlieren wir mit der Sozialisierung des Lesens? Wie funktionieren kollektive Deutungen, Empfehlungen und Bewertungen? Ersetzen nun die sozialen Medien in einer nahen Zukunft das literarische Feld?

Block 2: Freitag (09.11.)

Autorschaft zwischen Kollektivierung und Automatisierung:

Fortschritte beim Sterben des Autors

Kollektivierung

Seit Roland Barthes 1969 den Tod des Autors ankündigte, hat sich der Autor fünfzig Jahre lang überlegt, ob er wirklich sterben möchte, oder ob es nicht etwas zu früh sei, ob eigentlich eine robuste Präsenz nicht markttauglicher wäre, und hat sich entsprechend meistens für eine energische Auferstehung entschlossen. Man sieht ja immer so ein wenig blöd aus, wenn man in den TV-Studios auftritt, um zu erklären, wie man tot sei.

Aber vielleicht entscheidet sich der Autor mit dem gegenwärtigen Medienwandel doch wieder für sein Verschwinden und nimmt es dieses Mal etwas ernster. Mittlerweile ist er jedenfalls viel besser ausgerüstet. Er verfügt über zahlreiche digitale Dispositive, die ihm diese schwierige Aufgabe abnehmen. Ein paar Klicks und schon fängt er an zu sterben. Die sozialen Medien stecken ihn mit dem Virus der Interaktivität und der Partizipation an, und bevor er es sich nur ein zweites Mal überlegen kann, ist er schon kollektiviert. Er schwelgt – oder ertrinkt – im Crowdsourcing, konvertiert sich zur Schwarmintelligenz oder bereitet virtuelle Räume für user-generated Storytelling vor. Networking ist sein neues Schicksal, man lässt ihn nie mehr allein, damit er nicht auf so merkwürdige Ideen wie ein einsamer Kafka kommt – Facebook & Co. lassen grüssen.

Automatisierung

Wenn sich dann beim Autor noch ein Hauch Leben feststellen lässt, kommt der Todesschlag in der Form von Robotern, die ihn in Algorithmen verwandeln, wie einst die Circe Odysseus Gefährten in kleine Schweine. Aber wie genau wird der Autor zu einem kleinen automatischen Schwein, wie entsteht automatische Autorschaft? Wohin verschwindet der Autor, wenn er automatisiert wird? Wie und was kann er dann noch (ver)antworten? Und was erwarten wir von ihm? Die Strukturalisten haben sich einst zumindest für die theoretische Abschaffung des Autors eingesetzt, zu Gunsten eines unpersönlichen Spiels von semantischen Permutationen. Sind wir nun schlussendlich doch alle Strukturalisten geworden – und sind wir dabei glücklich? Oder vermissen wir plötzlich die damals so verachtete Absicht des Autors? Kommen wir ohne dessen Subjektivität aus? Lässt sich Subjektivität, dieser Zufall, programmieren, automatisieren?

Block 3: Samstag (10.11.)

Storytelling: Die Technologien der erlebten Kunst

…oder das kleine Schwein wird von Apps verfolgt, die ihm seine Geschichten konfiszieren und sie in neuen Formaten zur Verfügung stellen, weil die Nutzer angeblich nicht mehr lesen sondern nutzen wollen. Der (Alp)traum einer „erlebten Kunst“, der u.a. die 68er Jahre geprägt hat, scheint nun mit den digitalen Technologien auch in Reichweite zu gelangen. Viele Unternehmen haben sich bereits zum Verfolger des Schweins etabliert und zeigen, dass auch Leseinhalte nicht nur über die – so scheint es zumindest – fast veraltete Kulturpraxis des Lesens aufgenommen werden können, sondern auch auf andere Art und Weise Zugang zu unseren Gedanken und unserem innersten Ich erhalten können. Und damit ist nicht etwa das Fernsehen oder das Radio gemeint, die eine Literalität konsequent ausschliessen, sondern mutige und neuartige Wege, die es wagen auf dem schmalen Grat zwischen Literalität und Illiteralität ein neuartiges Erlebnis zu schaffen.

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